Thrombotische Mikroangiopathien in der Schwangerschaft
Thrombotische Mkroangiopathien (TMA) sind durch die Kombination aus Thrombozytopenie, mikroangiopathischer Hämolyse und Organdysfunktion gekennzeichnet. TMA kann im Rahmen einer Schwangerschaftskomplikation auftreten und stellt eine differenzialdiagnostische Herausforderung dar. Trotz ähnlicher klinischer Präsentation unterscheiden sich die zugrunde liegenden Pathomechanismen erheblich, insbesondere hinsichtlich ADAMTS13-(„a disintegrin and metalloproteinase with a thrombospondin type 1 motif, member 13“-)Mangel, dysregulierter Komplementaktivierung und infektiöser Trigger.
Eine rasche Abklärung unter Einbeziehung der ADAMTS13-Aktivität und des Shiga-Toxin-Nachweises ist entscheidend für die korrekte Diagnose und Therapie. Beim atypischen hämolytisch-urämischen Syndrom (aHUS) steht die Hemmung der terminalen Komplementkaskade mit Eculizumab oder Ravulizumab im Vordergrund, während die thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP) eine rasche Plasmapherese erfordert. Das Shiga-Toxin-assoziierte hämolytisch-urämische Syndrom (STEC-HUS) wird überwiegend supportiv behandelt.
Am Ende dieser Fortbildung kennen Sie …
- die Charakteristika sowie die Relevanz thrombotischer Mikroangiopathien (TMA) in der Schwangerschaft und Postpartalphase,
- die wichtigsten Differenzialdiagnosen einschließlich ihrer typischen zeitlichen Manifestation und pathophysiologischen Grundlagen,
- die entscheidenden diagnostischen Verfahren und Biomarker zur raschen und sicheren Differenzierung der TMA-Entitäten,
- die leitliniengerechten, diagnosespezifischen Therapiestrategien sowie deren prognostische Bedeutung.
Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen
Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen betreffen etwa 2 % aller Schwangeren, wobei bei 10 bis 15 % aller Schwangeren im Verlauf zumindest einmal der klinische Verdacht auf eine Präeklampsie besteht. Entscheidend ist dabei die Identifikation jener Verläufe mit erhöhtem Risiko für schwere maternale und fetale Komplikationen. Nach heutigem pathophysiologischen Verständnis liegt der Präeklampsie primär eine plazentare Störung zugrunde: Eine insuffiziente Trophoblasteninvasion mit konsekutiv fehlerhafter Plazentation führt zu einer veränderten Freisetzung angiogener und antiangiogener Faktoren, die eine systemische endotheliale Dysfunktion bewirken, diese gilt als zentral für die Pathogenese. Die endotheliale Dysfunktion erklärt die Multisystembeteiligung bei Präeklampsie. Neben arterieller Hypertonie und Proteinurie können zahlreiche weitere Organmanifestationen auftreten, darunter neurologische Symptome, visuelle Störungen, epigastrische oder rechtsseitige Oberbauchschmerzen, Leberfunktionsstörungen sowie Einschränkungen der Nierenfunktion. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in den potenziellen, teils lebensbedrohlichen Komplikationen wider, darunter hypertensive Entgleisungen, Eklampsie und das HELLP-Syndrom (Hämolyse [H], Erhöhung der Transaminasen [EL, „elevated liver enzymes”], Thrombozytopenie <100 G/l [LP, „low platelet count”]).
Aktuelle Definition der Präeklampsie
Gemäß der aktualisierten S2k-Leitlinie Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft von 2024 wird Präeklampsie als Bluthochdruckerkrankung in der Schwangerschaft mit mindestens einer zusätzlichen Organdysfunktion ohne alternative Ursache definiert. Die Unterscheidung zwischen vorbestehender und schwangerschaftsinduzierter Hypertonie ist für die Definition nicht mehr erforderlich. Als charakteristische Organmanifestationen gelten unter anderem
- neurologische oder visuelle Symptome,
- Leberwerterhöhungen,
- hämatologische Veränderungen,
- unspezifische klinische Symptome wie persistierende Oberbauchschmerzen.
Die frühere Einteilung in milde und schwere Präeklampsie entfällt in der aktuellen Leitlinie, da jeder Verlauf potenziell dynamisch ist und in eine schwere Form übergehen kann. Klinisch relevant bleiben jedoch Parameter wie signifikant erhöhte Blutdruckwerte (≥160/110 mmHg), manifeste Organfunktionsstörungen oder ein Auftreten der Präeklampsie vor der 34. Schwangerschaftswoche, da diese mit deutlich erhöhter maternaler und fetaler Morbidität assoziiert sind. Als wichtiger Biomarker hat sich in den letzten Jahren der sFlt-1/PlGF-Quotient (sFlt-1, „soluble fms-like tyrosine kinase-1”; PlGF, „placental growth factor”) etabliert. Eine Erhöhung dieses Quotienten ist prädiktiv für das Auftreten einer Präeklampsie und assoziierter Komplikationen.
HELLP-Syndrom: Definition und klinische Bedeutung
Das HELLP-Syndrom stellt eine schwere Verlaufsform des hypertensiven Schwangerschaftsformenkreises dar und ist durch eine charakteristische laborchemische Trias gekennzeichnet:
- Hämolyse (z. B. nachweisbar durch erniedrigtes Haptoglobin)
- Erhöhte Lebertransaminasen (≥2-fach oberhalb des Referenzbereiches)
- Thrombozytopenie (<100.000/µl)
Die Inzidenz liegt bei etwa 0,1 bis 0,5 % aller Schwangerschaften, während 10 bis 20 % der Patientinnen mit Präeklampsie ein HELLP-Syndrom entwickeln. Das Krankheitsbild ist mit einem hohen Risiko für akute maternale Komplikationen assoziiert, darunter Leberruptur, schwere Blutungen und Multiorganversagen. Die Entbindung stellt die einzige kausale Therapie dar. Dennoch kommt es postpartal nicht unmittelbar zu einer Normalisierung der laborchemischen Parameter. Vielmehr kann sich der Befund in den ersten 24 bis 48 Stunden nach der Entbindung zunächst weiter verschlechtern. Insbesondere die Thrombozytenzahl erreicht häufig erst etwa zwei Tage postpartal ihren Nadir, bevor ein kontinuierlicher Anstieg einsetzt. Auch die Transaminasen können initial weiter ansteigen, zeigen jedoch in der Regel innerhalb von 48 bis 72 Stunden eine deutliche Abnahme. Ein Ausbleiben dieser erwarteten postpartalen Besserung oder eine weitere Progredienz der Laborveränderungen sollte Anlass zu einer erweiterten Differenzialdiagnostik geben, insbesondere im Hinblick auf das Vorliegen einer thrombotischen Mikroangiopathie (TMA).
Verschlechterung des HELLP-Syndroms postpartal: Hinweis auf thrombotische Mikroangiopathie
Eine postpartale Progredienz der laborchemischen und klinischen Befunde nach initialer Diagnose eines HELLP-Syndroms stellt einen zentralen diagnostischen Wendepunkt dar. Da sich das HELLP-Syndrom nach Entbindung in der Regel innerhalb von 48 bis 72 Stunden stabilisiert oder bessert, muss bei ausbleibender Erholung oder weiterer Verschlechterung differenzialdiagnostisch an eine TMA gedacht werden, die ebenfalls die für das HELLP-Syndrom typische Labortriade beinhalten kann. Die TMA ist charakterisiert durch eine ausgeprägte Endothelschädigung mit konsekutiver Thrombozytenaktivierung und -aggregation sowie durch Bildung von Mikrothromben, was zur mechanischen Hämolyse und zu systemischen Organschäden führt.
Thrombotische Mikroangiopathie in der Schwangerschaft
TMA umfasst pathogenetisch heterogene Entitäten und stellt eine seltene, aber lebensbedrohliche Schwangerschaftskomplikation dar. TMA betrifft etwa eine von 25.000 Schwangerschaften. Sie kann initial einem HELLP-Syndrom ähneln, das somit eine wichtige Differenzialdiagnose darstellt. Eine TMA liegt definitionsgemäß vor bei
- Thrombozytopenie (< 150.000/µl oder Abfall um >25 %),
- mikroangiopathischer Hämolyse (Fragmentozyten, erhöhtes LDH, erniedrigtes Haptoglobin, Anämie).
Zusätzlich muss mindestens eine der folgenden Organdysfunktionen vorhanden sein:
- Neurologische Symptome: Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Krampfanfälle, neurologische Ausfälle
- Nierenfunktionsstörung: akutes Nierenversagen, Anstieg von Serumkreatinin, Proteinurie
- Gastrointestinale Symptome: abdominale Schmerzen, Diarrhö
- Kardiale Symptome: Herzrhythmusstörungen, Angina
- Pulmonale Symptome: Dyspnoe, Lungenödem
- Visuelle Symptome: Sehstörungen, Flimmerskotome
Vor der weiteren Differenzierung müssen akute Blutungen sowie infektiöse Ursachen, insbesondere eine Sepsis, ausgeschlossen werden. Bei Vorliegen einer TMA- Konstellation bei Schwangeren ergeben sich v. a. vier wichtige Differenzialdiagnosen:
- HELLP-Syndrom oder schwere Präeklampsie
- Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP)Shiga-Toxin-assoziiertes hämolytisch-urämisches Syndrom (STEC-HUS)
- Atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom (aHUS)
Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura
Die TTP ist gekennzeichnet durch einen schweren funktionellen Mangel der Protease ADAMTS13 („a disintegrin and metalloproteinase with a thrombospondin type 1 motif, member 13”). Diese Protease spaltet hochmolekulare von-Willebrand- Faktor-Multimere. Bei verminderter ADAMTS13-Aktivität verbleiben diese Multimere in hochmolekularer Form in der Blutzirkulation und führen zur unkontrollierten Thrombozytenaggregation mit Ausbildung von Mikrothromben. Die TTP kann durch zahlreiche Trigger ausgelöst werden, zu denen auch Schwangerschaft gehört, und stellt ein hochakutes, meist lebensbedrohliches Krankheitsbild dar.
Shiga-Toxin-assoziiertes hämolytisch-urämisches Syndrom
Das STEC-HUS ist toxinvermittelt und entsteht durch eine endotheliale Schädigung infolge von Shiga-Toxin, meist produziert durch enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC). Das Toxin gelangt über das Darmepithel in den Blutkreislauf und verursacht eine systemische Endothelschädigung. Diese Entität ist klar vom aHUS abzugrenzen.
Atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom
Das aHUS beruht auf einer chronischen, unkontrollierten Aktivierung des Komplementsystems, meist des alternativen Signalweges. Diese Dysregulation führt zu einer überschießenden Aktivierung des terminalen Komplementweges mit vermehrter Bildung von C5a und konsekutiv von „membrane-attack-complexes” (MAC), was Entzündung, Endothelschädigung, Mikrothrombenbildung und systemische Organbeteiligung zur Folge hat. Genetische Mutationen in Komplementregulatoren stellen eine wesentliche Grundlage für die Pathogenese des aHUS dar, sind allein meist nicht ausreichend, um eine klinische Manifestation zu erklären. In etwa 70 % der Fälle wird aHUS durch einen klar identifizierbaren Trigger klinisch manifest, während etwa 30 % ohne identifizierbaren Auslöser auftreten. Zu den wichtigsten Triggern zählt die Schwangerschaft. Typisch ist eine Manifestation postpartal, häufig im Anschluss an eine Präeklampsie oder ein vermeintliches HELLP-Syndrom. Charakteristisch sind
- fehlende postpartale Erholung der Laborparameter,
- ausgeprägte Nierenfunktionsstörung bis hin zum akuten Nierenversagen,
- Manifestationsgipfel nach der Entbindung.
Hinweisend sind zudem eine bekannte TMA in der Anamnese, ein diagnostiziertes aHUS oder ungeklärte Nierenerkrankungen in der Familienanamnese.
Zeitlicher Verlauf als diagnostischer Schlüssel
Der Zeitpunkt der Manifestation in der Schwangerschaft stellt eine wichtige differenzialdiagnostische Hilfe dar:
- TTP tritt typischerweise früh auf, häufig im zweiten oder frühen dritten Trimenon, oft gemeinsam mit einer frühen schweren Präeklampsie.
- aHUS manifestiert sich überwiegend postpartal, insbesondere nach Entbindung aufgrund eines HELLP-Syndroms mit nachfolgender Verschlechterung.
Diese zeitliche Trennung reflektiert unterschiedliche pathogenetische Mechanismen und hat unmittelbare therapeutische Konsequenzen.
Rolle von ADAMTS13 und Shiga-Toxin-Diagnostik
Für die differenzialdiagnostische Einordnung der TMA sind zwei laborchemische Parameter von zentraler Bedeutung: die ADAMTS13-Aktivität sowie der Nachweis von Shiga-Toxin oder Shiga-Toxin-produzierendem Escherichia coli (STEC). Eine ausgeprägt verminderte ADAMTS13-Aktivität ≤5 % spricht in der typischen klinisch-laborchemischen Konstellation für eine TTP, während eine erhaltene oder nur moderat reduzierte Aktivität >5 % bei vergleichbarem klinischen Bild eher auf ein aHUS hinweist. Die Bestimmung der ADAMTS13-Aktivität stellt damit einen entscheidenden Schritt zur zuverlässigen Abgrenzung zwischen TTP und aHUS dar. Der Nachweis von Shiga-Toxin oder STEC ist diagnostisch für ein STEC-HUS und erlaubt eine klare Abgrenzung gegenüber anderen TMA-Formen.
Therapeutische Konsequenzen
Die pathophysiologischen Erkenntnisse haben direkte Konsequenzen für die Therapieentscheidung bei TMA. Beim atypischen hämolytisch-urämischen Syndrom (aHUS) steht die Blockade der terminalen Komplementaktivierung im Zentrum: Eculizumab und Ravulizumab, zwei monoklanale Antikörper gegen C5, verhindern die MAC-Bildung und unterbrechen die überschießende Komplementkaskade, wodurch die Endothelschädigung, Thrombosebildung und Organschädigung effektiv begrenzt werden. Im Gegensatz dazu basiert die Behandlung der TTP auf der Plasmapherese in Verbindung mit immunsuppresiver Therapie, die den ADAMTS13-Mangel ausgleicht und pathologische von-Willebrand-Faktor-Multimere entfernt. Beim STEC-HUS liegt der Fokus auf supportiver Therapie – Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich, Blutdruckkontrolle und gegebenenfalls Dialyse bei akutem Nierenversagen. Eine kausale medikamentöse Therapie existiert nicht; im Vordergrund stehen die Behandlung der zugrunde liegenden Infektion und die Prävention von Komplikationen. Die korrekte und zeitnahe Differenzierung der TMA-Entitäten ist somit entscheidend, da sich die therapeutischen Strategien grundlegend unterscheiden und eine rasche Intervention die Prognose erheblich beeinflusst.
Fallvignette 1: Schwangerschaft nach postpartalem aHUS
Bei einer 32-jährigen Drittgravida (Para 2) bestand ein Zustand nach aHUS, der wenige Jahre zuvor postpartal im Anschluss an die zweite Schwangerschaft aufgetreten war und zu einem dialysepflichtigen akuten Nierenversagen geführt hatte. Eine intermittierende Hämodialyse war über etwa einen Monat erforderlich. Initial wurde eine Plasmapherese durchgeführt, anschließend erhielt die Patientin für etwa vier Monate Eculizumab. Unter dieser Behandlung kam es zu einer partiellen Erholung der Nierenfunktion mit einer stabilen Baseline-Kreatinin-Konzentration von etwa 1,3 bis 1,4 mg/dl.
Verlauf der aktuellen Schwangerschaft
Die Schwangerschaft entwickelte sich zunächst unauffällig. Die sonografischen Verlaufskontrollen zeigten ein zeitgerechtes fetales Wachstum, überwiegend im oberen Normbereich, ohne Hinweise auf strukturelle Fehlbildungen oder sonomorphologische Auffälligkeiten. Die uterinen Doppleruntersuchungen waren initial unauffällig. Infolge der Vorerkrankung bestand eine chronische arterielle Hypertonie, die eine antihypertensive Dreifachkombination erforderte, unter der sich der Blutdruck grenzwertig kontrolliert zeigte. Trotz des initial unauffälligen Verlaufes bestand eine ausgeprägte maternale Risikokonstellation aufgrund der vorausgegangenen aHUS-Erkrankung und der eingeschränkten Nierenfunktion.
Zeichen der plazentaren Dysfunktion
Im weiteren Verlauf kam es zu einem schrittweisen Perzentilenabfall des fetalen Wachstums bis etwa zur 50. Perzentile bei gleichzeitig zunehmenden Hinweisen auf eine plazentare Dysfunktion mit erhöhten uterinen Widerständen. Die fetalen Dopplerparameter der Nabelarterie sowie die zerebralen Flussmessungen blieben zunächst unauffällig ohne Hinweis auf eine akute fetale Dekompensation. Ab der 29. Schwangerschaftswoche fiel ein abruptes Sistieren des fetalen Wachstums auf: Der fetale Abdomenumfang nahm im Verlauf zweier Kontrolluntersuchungen sogar ab, sodass ein Wachstumsstillstand diagnostiziert wurde. Parallel zeigte sich ein ausgeprägter Anstieg des sFlt-1/PlGF-Quotienten auf einen Wert >400, was auf eine hochgradige plazentare Dysfunktion mit erheblichem maternalen und fetalen Risiko hinwies.
Postpartale Verschlechterung und Rezidiv des aHUS
Aufgrund der zunehmenden fetalen Gefährdung wurde die Entbindung durchgeführt. Bereits innerhalb der ersten zwölf Stunden postpartal kam es zu einer deutlichen Verschlechterung der Nierenfunktion. Das Serumkreatinin stieg von einem präpartalen Ausgangswert von 1,36 mg/dl innerhalb kurzer Zeit auf 1,72 mg/dl, weiter auf 1,93 mg/dl und schließlich auf 2,5 mg/dl an. Parallel zeigte sich ein rascher Abfall der Thrombozytenzahl sowie ein Abfall des Haptoglobins unter die Nachweisgrenze. Damit lag die typische Konstellation einer TMA vor mit
- Thrombozytopenie,
- mikroangiopathischer Hämolyse,
- progredientem akuten Nierenversagen (Organbeteiligung).
Daher wurde ein postpartales Rezidiv des aHUS diagnostiziert.
Therapieverlauf
Es wurde eine Therapie mit Eculizumab eingeleitet, einem monoklonalen Antikörper, der sich gegen den Komplementfaktor C5 richtet. Unter der Behandlung kam es zu einer raschen Stabilisierung und Erholung der hämatologischen Parameter. Insbesondere die Thrombozytenzahl zeigte einen zügigen Anstieg.
Zusammenfassende Bewertung
Der Fall verdeutlicht exemplarisch
- die hohe Rezidivneigung des aHUS im postpartalen Zeitraum,
- die enge Assoziation mit plazentarer Dysfunktion und fetaler Wachstumsrestriktion,
- die Bedeutung einer engmaschigen interdisziplinären Überwachung sowie
- den diagnostischen Stellenwert der postpartalen Dynamik von Nierenfunktion, Thrombozyten und Hämolyseparametern.
Der Fall unterstreicht zudem die Notwendigkeit einer Abgrenzung zwischen HELLP-Syndrom und aHUS, da sich hieraus grundlegend unterschiedliche therapeutische Konsequenzen ergeben.
Fallvignette 2: Rezidivierende Schwangerschaftskomplikationen bei CFH-assoziiertem aHUS
Anamnese und genetischer Hintergrund
Bei einer 32-jährigen Drittgravida bestand ein genetisch gesichertes aHUS mit Nachweis einer Mutation im Complement-Factor-H-(CFH-)Gen. In einer vorausgegangenen Schwangerschaft war es zu einer Notsectio mit Frühgeburt eines 1250 g schweren Kindes gekommen. Postpartal entwickelte sich ein dialysepflichtiges akutes Nierenversagen im Rahmen eines aHUS, das erfolgreich mit Eculizumab behandelt werden konnte. Nach Therapieabschluss bestanden über Jahre keine klinischen Symptome. Trotz des hohen Rezidivrisikos bestand ein ausgeprägter Wunsch nach erneuter Schwangerschaft. Die Betreuung während der aktuellen Schwangerschaft erfolgte interdisziplinär unter Einbindung der Nephrologie.
Verlauf der aktuellen Schwangerschaft
Bereits im Ersttrimester-Screening zeigte sich eine deutlich eingeschränkte uterine Perfusion. Es bestand eine arterielle Hypertonie, die unter einer Zweifachmedikation gut kontrolliert war. Die frühe fetale Entwicklung war initial unauffällig. Sonografisch zeigten sich im zweiten Trimenon jedoch frühzeitige Zeichen einer ausgeprägten plazentaren Dysfunktion. In der Schwangerschaftswoche lag 21 plus fünf das fetale Gewicht bei lediglich 315 g, entsprechend einer hochgradigen frühen fetalen Wachstumsrestriktion.
Laborchemische und dopplersonografische Befunde
Parallel zur fetalen Wachstumsrestriktion zeigte sich ein deutlicher Anstieg des sFlt-1/PlGF-Quotienten bereits ab der 21. Schwangerschaftswoche. Im weiteren Verlauf kam es zu einem ausgeprägten Peak mit Werten bis 600, was auf eine massive plazentare Dysfunktion hinwies. Begleitend entwickelte sich ein nephrotisches Syndrom mit progredienter Proteinurie bis zu 8 g/24 h.
Komplementhemmende Therapie und weiterer Verlauf
Aufgrund der zunehmenden maternofetalen Gefährdung wurde bereits intrauterin erneut eine Eculizumab-Therapie begonnen, initial im 2-Wochen-Intervall. Die Entbindung erfolgte während des akuten Erkrankungsgipfels. Postpartal wurde auf Ravulizumab, einen lang wirksamen C5-Inhibitor, umgestellt. Unter der komplementhemmenden Therapie zeigte sich eine Stabilisierung der Nierenfunktion. Dennoch kam es trotz Therapie zu einer Progression der plazentaren Dysfunktion mit schwerster intrauteriner Wachstumsrestriktion, reversiertem enddiastolischen Fluss in der Arteria umbilicalis sowie pathologischen Flussmustern im Ductus venosus. In der Schwangerschaftswoche 25 plus vier trat eine schwere hypertensive Entgleisung trotz intensivierter antihypertensiver Therapie auf. Die Patientin wurde intensiv sowohl über die stark eingeschränkte fetale Prognose als auch das hohe Risiko maternaler Komplikationen aufgeklärt. Auf eine stationäre Aufnahme und Maximaltherapie für den Feten wurde seitens der Patientin verzichtet. In Schwangerschaftswoche 25 plus fünf kam es zum intrauterinen Fruchttod. Die maternale Nierenfunktion konnte unter fortgeführter komplementhemmender Therapie erhalten werden. Die Umstellung
Zusammenfassende Bewertung
Der Fall illustriert
- das hohe Rezidiv- und Schweregradpotenzial genetisch determinierter aHUS-Formen in der Schwangerschaft,
- die enge Verknüpfung zwischen aHUS-Aktivität, plazentarer Dysfunktion und früher, schwerster fetaler Wachstumsrestriktion,
- die Möglichkeit einer maternalen Stabilisierung unter komplement-hemmender Therapie bei gleichzeitig limitierter fetaler Prognose.
Er verdeutlicht zugleich die prognostischen Grenzen selbst unter frühzeitiger und konsequenter komplementinhibitorischer Therapie und unterstreicht die Notwendigkeit einer interdisziplinären, hochspezialisierten Betreuung dieser Patientinnengruppe.
Ravulizumab bei atypischem hämolytisch-urämischen Syndrom
Ravulizumab ist ein lang wirksamer Inhibitor des terminalen Komplementfaktors C5 und stellt eine Weiterentwicklung von Eculizumab dar. Durch strukturelle Modifikationen wurde die Eliminationshalbwertszeit verlängert, wodurch ein deutlich verlängertes Dosierungsintervall möglich ist. Die Wirksamkeit und Sicherheit von Ravulizumab wurde in einer prospektiven Phase-III-Studie bei Patientinnen mit aHUS ohne vorausgegangene Komplementinhibitortherapie untersucht. Das Studienkollektiv umfasste auch unmittelbar postpartale Patientinnen. Der primäre Endpunkt, definiert als vollständiges Ansprechen der TMA, wurde bei 87,5 % der Behandelten erreicht. Die mediane Zeit bis zum vollständigen Ansprechen betrug 31,5 Tage. Bei allen Studienteilnehmerinnen konnte eine Verbesserung der Nierenfunktion beobachtet werden; zuvor dialysepflichtige Patientinnen konnten die Dialyse beenden.
Schwangerschaft bei bekanntem atypischen hämolytisch-urämischen Syndrom
Bei Patientinnen mit anamnestisch bekanntem aHUS besteht ein hohes Rezidivrisiko in der Schwangerschaft von etwa 25 %. Rezidive können sowohl antepartal als auch postpartal auftreten und sind insbesondere bei genetisch determinierten Formen mit erheblicher Gefährdung der Nierenfunktion assoziiert. Die Schwangerschaft stellt eine erhebliche Belastung für das renale System dar: Das Risiko eines erneuten akuten Nierenversagens mit möglicher dauerhafter Dialysepflichtigkeit ist deutlich erhöht, insbesondere bei vorbestehender Nierenfunktionseinschränkung. Schwangerschaften bei bekanntem aHUS sind stets als Hochrisikoschwangerschaften einzuordnen und erfordern eine engmaschige interdisziplinäre Betreuung in Zusammenarbeit mit der Nephrologie. Klinisch ähneln die Verläufe häufig schweren hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen mit früher plazentarer Dysfunktion. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Zeitraum ab der 20. Schwangerschaftswoche, in dem häufig eine klinische oder laborchemische Verschlechterung einsetzt. Typisch sind zunehmende plazentare Perfusionsstörungen, fetale Wachstumsrestriktion, Proteinurie sowie Veränderungen der Nierenfunktionsparameter. Eine prophylaktische Komplementblockade ist nicht regelhaft indiziert. Der Zeitpunkt therapeutischer Intervention richtet sich individuell nach klinischer Dynamik, Laborparametern und maternaler Organfunktion.
Fazit
- TMA sind ein heterogenes Syndrom mit der charakteristischen Trias aus Thrombozytopenie, mikroangiopathischer Hämolyse und Organdysfunktion.
- TMA können als potenziell lebensbedrohliche Komplikation in der Schwangerschaft auftreten und sind vom HELLP-Syndrom abzugrenzen.
- Trotz ähnlicher Manifestationen unterscheiden sich die zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen der verschiedenen TMA-Formen erheblich.
- Eine sorgfältige Differenzialdiagnostik unter Einbeziehung laborchemischer Marker, insbesondere der ADAMTS13-Aktivität und des Shiga-Toxin-Nachweises, ist essenziell.
- Die rasche Zuordnung zur korrekten TMA-Entität ermöglicht eine zielgerichtete Therapie und verhindert potenziell irreversible Organschäden.
- Während bei TTP die sofortige Plasmapherese lebensrettend ist, steht beim STEC-HUS ein konsequentes supportives Management im Vordergrund.
- Beim aHUS kommt der gezielten Hemmung der terminalen Komplementkaskade eine zentrale therapeutische Bedeutung zu, da sie die pathogenetische Endstrecke adressiert.
- Die strukturierte und zeitnahe Differenzierung der TMA-Formen sind zentraler Bestandteil der klinischen Entscheidungsfindung und bestimmen maßgeblich den Therapieerfolg.
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