Adipositas und Komorbiditäten – Kardiovaskuläre Erkrankungen im Fokus

Immer mehr Menschen weltweit leiden an Adipositas, einer chronischen Erkrankung mit deutlich erhöhtem Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko. Insbesondere für kardiovaskuläre Erkrankungen stellt Adipositas einen Risikofaktor dar. In den Leitlinien wird eine Gewichtsreduktion von mindestens 5 bis 10 % zur Verbesserung der Komorbiditäten empfohlen.

Eine medikamentöse Therapie in Kombination mit Lebensstilmodifikationen kann helfen, die Therapieziele dauerhaft zu erreichen.

In dieser Fortbildung erfahren Sie mehr über das Adipositas-Management mit praktischen Tipps zur Förderung der Fettverbrennung sowie über Studienergebnisse zur kardiovaskulären Sicherheit der in Deutschland zugelassenen medikamentösen Therapien bei Adipositas.

Univ.-Prof. Dr. med. Sebastian M. Schmid
Die kardiovaskulären Folgen der Adipositaserkrankung sind das eigentlich Gefährliche für unsere Patienten.

Prof. Dr. med. Herbert Schuster
Ich glaube, dass ein Patient, der ein Gewichtsproblem hat, sich täglich messen muss.


Kursinfo
VNR-Nummer 2760709119079530019
Zeiltraum 01.08.2019 - 31.07.2020
Zertifiziert in D, A
Zertifiziert durch Akademie für Ärztliche Fortbildung Rheinland Pfalz
CME-Punkte 2 Punkte (Kategorie D)
Zielgruppe Ärzte
Autor Univ.-Prof. Dr. med. Sebastian M. Schmid
Prof. Dr. med. Herbert Schuster
Redaktion CME-Verlag
Veranstaltungstyp Animierter Vortrag (eTutorial)
Lernmaterial Vortrag (25:27 Min.), Handout (pdf), Lernerfolgskontrolle
Fortbildungspartner Novo Nordisk Pharma GmbH
Bewertung 4.2 (705)

Weltweite Zunahme der Adipositas

Weltweit ist die Zahl der Männer mit Adipositas von 31 Millionen im Jahr 1975 auf 281 Millionen im Jahr 2016 gestiegen [1]. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der adipösen Frauen von 69 Millionen auf 390 Millionen. Weitere 1,3 Milliarden Erwachsene waren übergewichtig, aber noch unter der Schwelle für Adipositas [1]. Bei Erwachsenen wird Übergewicht definiert durch einen Body-Mass-Index (BMI) von ≥25 kg/m2. Ab einem BMI von ≥30 kg/m2 spricht man von Adipositas. Erwachsene mit einem BMI von 25,0 bis 29,9 kg/ m2 werden als präadipös bezeichnet [2].

Übergewicht und Adipositas in Deutschland

Die von 2008 bis 2011 durchgeführte „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS1) hat ergeben, dass etwa 53 % der Frauen und 67 % der Männer hierzulande übergewichtig oder adipös sind [3]. Dabei nahmen die Prävalenzen von Übergewicht und Adipositas mit zunehmendem Alter zu [3]. Die Adipositas-Prävalenz lag insgesamt für Männer bei 23,3 % und für Frauen bei 23,9 % [3]. Während sich der Anteil Übergewichtiger in Deutschland im letzten Jahrzehnt nicht weiter vergrößert hat, nahm die Prävalenz von Adipositas weiter zu, besonders stark unter jungen Erwachsenen (25 bis 34 Jahre) [3].

Adipositas ist mit verschiedenen Komorbiditäten assoziiert

Adipositas kann neben Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens und einer verminderten Lebensqualität zu einer signifikant erhöhten Morbidität führen, die unterschiedlichste Organsysteme betreffen kann (Abbildung 1). Die Komorbiditäten lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: metabolisch, mechanisch und mental Adipositas gilt als wichtiger Risikofaktor für das metabolische Syndrom, das wiederum mit einem hohen arteriosklerotischen Risiko assoziiert ist [4]. Mögliche Folgen der Arteriosklerose sind koronare Herzkrankheit und Schlaganfall. Zu den Diagnosekriterien für das metabolische Syndrom zählen ein erhöhter Taillenumfang, erhöhte Triglyzeride, niedriges HDL-Cholesterin, Bluthochdruck und erhöhte Nüchtern-Blutglucose [4]. Eine weitere Folge des metabolischen Syndroms ist die nicht alkoholische Fettlebererkrankung. Mit zunehmendem BMI und Taillenumfang nimmt auch das Risiko für die Entwicklung von Gallensteinen um das Dreifache zu. Bei operativen Eingriffen muss mit einem erhöhten Risiko von Thrombosen bzw. Embolien gerechnet werden. Psychisch besonders belastend sind für adipöse Männer und Frauen hormonelle Störungen, die zur Infertilität führen [2]. Mentale Komorbiditäten wie Angststörungen und Depressionen können potenzielle Behandlungsbarrieren darstellen [5]. Auch mechanische Folgen der Adipositas, z. B. Arthrose oder chronische Rückenschmerzen, erschweren die erforderliche Steigerung der körperlichen Aktivität im Rahmen des Gewichtsmanagements. Fettgewebspolster, die von außen auf den Rachen drücken, können das Schlafapnoesyndrom verursachen, das linear mit dem Grad der Adipositas korreliert und das kardiovaskuläre Risiko weiter erhöht. Auch die Funktion der Blase kann durch den Druck des Bauchfettes beeinträchtigt sein. So leiden adipöse Frauen doppelt so häufig an Harninkontinenz wie normalgewichtige Frauen [2]. Neben den metabolischen, mentalen und mechanischen Folgen gehen Übergewicht und Adipositas auch mit malignen Erkrankungen wie Leukämie, Mamma-, Ovarial-, Pankreas-, Prostata-, Kolon-, Ösophagus-, Endometrium-, Gallenblasen- und Nierenzellkarzinom einher, wie Kohortenstudien gezeigt haben [2].

Adipositas und Mortalität

Adipositas ist nicht nur mit erhöhter Morbidität, sondern auch mit einer signifikant erhöhten Mortalität verbunden, wie eine US-amerikanische Auswertung von Sterbetafeln und Kohortenstudien gezeigt hat [6]. Der Zusammenhang zwischen BMI und Mortalität war umso deutlicher, je jünger die Personen waren. Demnach hatten weiße Männer im Alter von 20 bis 30 Jahren mit einem BMI von ≥45 kg/m2 den stärksten Verlust an Lebensjahren; ihre Lebenserwartung war um 13 Jahre verkürzt. Frauen im selben Alter mit gleich hohem BMI starben acht Jahre früher als ihre nicht adipösen Geschlechtsgenossinnen [6]. Das geringste Sterblichkeitsrisiko wiesen Männer und Frauen mit einem BMI zwischen 23 und 25 kg/m2 auf. Die WHO geht davon aus, dass weltweit mindestens 2,8 Millionen Menschen jährlich an den Folgen von Übergewicht und Adipositas sterben [7].

Kardiovaskuläre Erkrankungen sind Hauptursache für Mortalität und DALY

In der „Global Burden of Disease“-Studie wurden die Daten von 67,8 Millionen Menschen analysiert, um die Krankheitslast im Zusammenhang mit dem BMI nach Alter, Geschlecht, Ursache und BMI in 195 Ländern zwischen 1990 und 2015 zu quantifizieren [8]. Mehr als zwei Drittel der Todesfälle im Zusammenhang mit einem hohen BMI waren auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen. Diabetes war die zweithäufigste Ursache für BMI-bezogene Todesfälle, während chronische Nierenerkrankungen und Krebserkrankungen jeweils weniger als 10 % ausmachten [8]. Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren auch die Hauptursache für BMI-bedingte Disability Adjusted Life Years (DALY) [8]. DALY stellen die Summe der durch vorzeitigen Tod verlorenen Lebensjahre und die mit Krankheit oder Behinderung gelebten Lebensjahre dar.

Übergewicht/Adipositas als unabhängiger kardiovaskulärer Risikofaktor

Eine britische Kohortenstudie mit 3,5 Millionen Teilnehmern hat gezeigt, dass Erwachsene mit Übergewicht bzw. Adipositas selbst dann ein erhöhtes Risiko für koronare Herzerkrankungen (KHK), zerebrovaskuläre Erkrankungen und Herzinsuffizienz haben, wenn keine metabolischen Auffälligkeiten vorlagen [9]. Als metabolisch unauffällig galten Teilnehmer, die nicht an Hypertonie, Hyperlipidämie oder Diabetes litten. Die kardio- und zerebrovaskulären Risiken bei normalgewichtigen, übergewichtigen und adipösen Personen nahmen mit zunehmender Zahl von Stoffwechselanomalien zu [9] (Abbildung 2).

Gewichtsabnahme kann Adipositas-bedingte Komorbiditäten verbessern

Eine Gewichtsreduktion hat bei übergewichtigen bzw. adipösen Menschen einen positiven Einfluss auf die meisten der zuvor genannten Komorbiditäten [2]. In Studien konnte gezeigt werden, dass bereits eine Gewichtsabnahme von 5 bis 10 % mit folgenden klinischen Vorteilen verbunden ist:
  • Reduktion des Risikos für Typ-2-Diabetes [10]
  • Reduktion von kardiovaskulären Risikofaktoren [11]
  • Verbesserungen der Blutlipid-Profile [12]
  • Verbesserungen des Blutdruckes [13]
  • Verminderte Schwere der obstruktiven Schlafapnoe [14,15]
  • Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität [16,17]
In den Leitlinien wird daher eine 5%- bis 10%ige Gewichtsabnahme empfohlen, um erhebliche gesundheitliche Vorteile durch Verringerung von Komorbiditäten zu erzielen [2,18].

Stärkere Verbesserung Adipositas-bedingter Komorbiditäten durch größere Gewichtsabnahme

Es gibt Hinweise darauf, dass eine über 10 % hinausgehende Gewichtsreduktion zu einer weiteren Verbesserung des Komorbiditätenprofils bei Menschen mit Adipositas führt. So war in Bezug auf eine Diabetes-Remission der Effekt am größten bei einer Gewichtsabnahme von ≥15 % [19]. Diabetes-Remission wurde definiert als HbA1c von <6 bis 5 % nach mindestens zwei Monaten ohne antidiabetische Medikamente und für die Dauer von zwölf Monaten. Im Vergleich zu gewichtsstabilen Teilnehmern hatten diejenigen, die 5 bis <10 % ihres Körpergewichtes verloren, eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine 0,5%ige Reduktion von HbA1c, eine Abnahme des systolischen und diastolischen Blutdruckes um je 5 mmHg, eine Zunahme des HDL-Cholesterins um 5 mg/dl und eine Abnahme des Triglycerids um 40 mg/dl. Die Chancen auf klinisch signifikante Verbesserungen der meisten Risikofaktoren waren bei denen, die über 15 % ihres Körpergewichtes verloren haben, noch größer [13].

Jo-Jo-Effekt als unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse

Viele übergewichtige Menschen versuchen immer wieder erfolglos abzunehmen. Meist erfolgt auf eine Gewichtsabnahme eine umso höhere Gewichtszunahme. Wie eine Post-hoc-Analyse der „Treating to New Targets“-(TNT-)Studie bei über 9500 Patienten mit manifester KHK gezeigt hat, war ein solcher „Jo-Jo-Effekt“ mit einer signifikanten Zunahme des Risikos von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Tod verbunden. Dabei waren größere Schwankungen des Körpergewichtes mit höheren Ereignisraten assoziiert [37]. Darüber hinaus deuten die Daten darauf hin, dass die Variabilität des Körpergewichtes stark und unabhängig mit dem neu auftretenden Diabetes mellitus verbunden war [37].

Praktische Tipps zur Unterstützung einer „nachhaltigen“ Gewichtsabnahme

Eine effektive Gewichtsabnahme sowie die anschließende Gewichtserhaltung sind für die Behandlung der Adipositas und ihrer Komorbiditäten von großer Bedeutung. Um ein Energiedefizit zu erreichen, können verschiedene Ernährungsstrategien angewandt werden, wie eine Reduktion des Fett- und/oder Kohlenhydratverzehrs [2]. Menschen mit Adipositas, die nachhaltig abnehmen wollen, können in Bezug auf ihr Essverhalten unterstützt werden, indem man ihnen beispielsweise folgende Tipps mitgibt:
  1. Auf die Auswahl der Kohlenhydrate achten, d.h. mehr Kohlenhydrate mit einem niedrigen glykämischen Index essen, z. B. Haferflocken, Vollkornnudeln oder Naturreis, um Heißhungerattacken zu vermeiden.
  2. Lebensmittel mit geringer Energiedichte (kcal/Volumen) bevorzugen, z. B. Gemüse, Salate, frisches Obst, Suppen, Eintöpfe und bei den Getränken Wasser, Tee, Kaffee, um die Kalorienaufnahme zu reduzieren.
  3. Kultiviert, in entspannter Atmosphäre, mit Freude und mit Freunden essen, um das Sättigungsgefühl zu fördern. Satt macht auch, was man gern isst, was intensiv schmeckt, gut duftet und appetitlich angerichtet ist.
  4. Intermittierendes Fasten, z. B. zwei Tage/Woche mit zwei hypokalorischen Mahlzeiten (Frauen 500 kcal/Tag, Männer 600 kcal/Tag) im Abstand von 16 Stunden, um die Fettverbrennung zu fördern.

Einfluss des Fastens auf die Fettverbrennung

Welchen physiologischen Effekt eine Fastenphase auf die Fettverbrennung hat, ist in Abbildung 3 dargestellt:
3A) Der Grundumsatz eines Erwachsenen liegt im Durchschnitt bei 1800 kcal/Tag bzw. 75 kcal/Std. Eine Stunde körperliche Aktivität, z. B. Joggen, führt zu einem Anstieg des Energieverbrauches auf ca. 500 kcal/Std. Soll das Körpergewicht reduziert werden, ist jedoch nicht der Gesamtenergieverbrauch entscheidend, sondern die Fettverbrennung (resultierend aus Verschiebungen des respiratorischen Quotienten* (RQ) in einer bestimmten Zeiteinheit). Der respiratorische Quotient in Ruhe beträgt 0,85, was einer Fettverwertung von 37 kcal/Std. entspricht. Die Aktivität „Joggen“ führt zu einem Anstieg des respiratorischen Quotienten zu einer Fettverwertung auf 64 kcal/Std.
3B) In Zeiten anhaltender Kalorienrestriktion fällt der Ruhe-RQ auf einen Wert von 0,78, was einer erhöhten Fettverwertung von ca. 55 kcal/Std. führt. Das bedeutet, dass während einer Fastenphase im Ruhezustand die Fettverbrennung „angekurbelt“ wird [38]. Zusammen mit vermehrter körperlicher Aktivität tragen Fastenphasen so zur Gewichtsreduktion bei.

* Der Respiratorische Quotient (RQ) ist eine spiroergometrische Messgröße und als Quotient aus Kohlendioxidabgabe und Sauerstoffaufnahme definiert.

Die Waage als Ernährungsberater und Erfolgsnachweis

Patienten, die täglich ihr Gewicht kontrollieren und dokumentieren, stellen fest, dass ihr Gewicht von einem auf den anderen Tag um 1 bis 2 kg schwanken kann. Dabei handelt es sich in der Regel um Wasser. Da die Speicherform der Kohlenhydrate, das Glykogen, hydrophil ist und 1 g Glykogen bis zu 3 g Wasser bindet [39], erhöht das Auffüllen der Glykogenspeicher in Muskulatur und Leber das Körpergewicht deutlich. Folgende Empfehlungen können dem Patienten zur Unterstützung mitgegeben werden:
  • Hat der Patient messbar abgenommen und das Essen am Vortag hat ihm gut geschmeckt, sollte er diese Speisen häufiger zu sich nehmen.
  • Hat der Patient messbar zugenommen und das Essen am Vortag hat ihm nicht geschmeckt, kann er diese Speisen zukünftig meiden.
  • Hat der Patient zugenommen und das Essen am Vortag hat ihm gut geschmeckt, so sollte er nicht völlig auf diese Speisen verzichten müssen, sie aber vielleicht nur zu besonderen Anlässen verzehren.
Auf diese Weise kann die Waage als Ernährungsberater und Erfolgsnachweis dienen und der Patient durch Selbstbeobachtung sein Essverhalten flexibel kontrollieren.

Pharmakotherapie kann Lücke in den Behandlungsmöglichkeiten schließen

Die Adipositas-Therapie und -Prävention sind in Deutschland bislang nicht regelhaft zulasten der gesetzlichen Krankenkassen abrechenbar. Unter bestimmten Umständen werden die Kosten für bariatrische Chirurgie von den GKVen, übernommen. Dies gilt für Patienten mit einem BMI ≥35 kg/m2 mit einer oder mehreren Adipositas-assoziierten Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, koronare Herzerkrankung, Herzinsuffizienz, Hyperlipidämie, Nephropathie, obstruktives Schlafapnoesyndrom (OSAS), nicht alkoholische Fettleber (NAFLD) usw. sowie für alle Patienten mit einem BMI ≥40 ohne Begleiterkrankungen, wenn konservative Behandlungsmöglichkeiten versagt haben [40]. Die bariatrische Chirurgie ermöglicht einen klinisch signifikanten mittleren Gewichtsverlust von mehr als 15 % des ursprünglichen Körpergewichtes [41]. Es besteht jedoch eine Lücke in den Behandlungsmöglichkeiten zwischen der Lebensstilmodifikation und der bariatrischen Chirurgie, um eine klinisch relevante Gewichtsabnahme bei Patienten mit Adipositas Grad I und übergewichtigen Patienten mit Komorbiditäten zu erreichen. Eine medikamentöse Therapie könnte diese Lücke schließen [41].

Pharmakotherapie zur Unterstützung der Gewichtsabnahme

Die für eine langfristig erfolgreiche Gewichtsreduktion erforderliche Änderung des Lebensstils ist für die meisten Menschen schwer umzusetzen [42]. Pharmakotherapien können Lebensstiländerungen zur Gewichtsabnahme zusätzlich unterstützen. In einer von Wadden et al. durchgeführten Studie wurde die Wirksamkeit von vier verschiedenen Kombinationen von Lifestyleinterventionen und/oder Gabe von Sibutramin gegen Adipositas zusätzlich zu einer kalorienreduzierten Diät über einen Zeitraum von einem Jahr untersucht (Abbildung 4) [43]. Die Kombination einer medikamentösen Adipositas-Therapie, in diesem Fall Sibutramin, mit einer intensiven Beratung zur Lebensstil-Modifikation führte zu mehr Gewichtsverlust als eine alleinige medikamentöse Therapie oder Beratung: Unter der Pharmakotherapie verloren die Probanden im Schnitt nach einem Jahr ca. 5 kg (grüne Linie). Die mit regelmäßigen Gruppenberatungen zur Lebensstiländerung behandelten Personen nahmen im Schnitt 6,7 kg ab (hellblaue Linie). Diejenigen mit Medikamenten und einer Kurzintervention zur Lebensstilmodifikation verloren im Schnitt 7,5 kg (orange Linie). Den stärksten Gewichtsverlust von durchschnittlich 12,1 kg hatten Probanden mit einer Kombination aus Pharmakotherapie und intensiver Lebensstilberatung (dunkelblaue Linie) [43]. Insgesamt verloren fast doppelt so viele Probanden in der Kombi-Therapiegruppe ≥10 % ihres Ausgangsgewichtes als in den Monotherapiegruppen [43]. Die Leitlinien empfehlen, eine medikamentöse Therapie nur in Kombination mit einer Lebensstilintervention (Ernährungs-, Bewegungs-, Verhaltenstherapie) durchzuführen [2].

Medikation zur langfristigen, leitliniengerechten Adipositas-Behandlung

In Europa wurden bislang drei Wirkstoffe für den langfristigen Einsatz im Adipositas-Management zugelassen, die Eingang in die Praxisleitlinien gefunden haben: Orlistat, Naltrexon/Bupropion sowie Liraglutid 3,0 mg [18] (Abbildung 5). Mit Ausnahme von Orlistat 60 mg sind diese Medikamente in Deutschland verschreibungspflichtig und als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Diät und verstärkter körperlicher Aktivität indiziert zur Gewichtsregulierung bei erwachsenen adipösen Patienten (BMI ≥30 kg/m2) oder bei übergewichtigen Patienten (BMI ≥27 kg/m² bis <30 kg/m²) mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung (z. B. Typ-2-Diabetes, Dyslipidämie, Hypertonie) [44–46].

Amphetamine nicht zur Adipositas-Therapie empfohlen

Aufgrund erheblicher Nebenwirkungen wird in der S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas die Verwendung von Amphetaminen zur Adipositas-Therapie nicht empfohlen [2]. Die indirekten Sympathomimetika Amfepramon und Cathin sind auf die kurzzeitige Behandlung der Adipositas von vier bis sechs Wochen, maximal drei Monate, beschränkt [48,49]. Bei längerer Behandlung kann es zur Ausbildung von Gewöhnung und Arzneimittelabhängigkeit, in selteneren Fallen bei entsprechend veranlagten Patienten zu schweren psychischen Störungen kommen. Daher kommt ihr Einsatz für eine längerfristige Therapie der Adipositas nicht infrage.

Orlistat – selektiver Inhibitor der Pankreaslipase

Orlistat ist ein selektiver Inhibitor der Pankreaslipase, der die Aufnahme von Nahrungsfetten im Darm vermindert. Das Medikament wirkt lokal im Darm und wird kaum absorbiert. Orlistat ist rezeptfrei in einer Dosis von 60 mg/Kapsel und einer verschreibungspflichtigen Dosis von 120 mg/Kapsel erhältlich. Beide Formen werden unmittelbar vor, während oder bis zu einer Stunde nach jeder (fettigen) Mahlzeit verabreicht und führen zu einem geringen bis moderaten Gewichtsverlust. Bei hohem Fettanteil der Kost kann sich die Wahrscheinlichkeit von gastrointestinalen Nebenwirkungen während der Behandlung mit Orlistat erhöhen [44].

Fixkombination Naltrexon/Bupropion

Die beiden Komponenten wirken auf zwei Hauptbereiche des Gehirns und führen zu einer Aktivierung von anorexigenen Neuronen im Hypothalamus [45]. Die empfohlene Dosierung beträgt 16 mg Naltrexon/180 mg Bupropion zweimal täglich. Bei der Anwendung sind zahlreiche Gegenanzeigen zu beachten [45]. Die häufigsten Nebenwirkungen von Naltrexon/Bupropion sind Übelkeit, Verstopfung, Erbrechen, Schwindel und Mundtrockenheit [45].

GLP-1-Inhibitor Liraglutid

Liraglutid ist ein GLP-1-(Glucagon-like Peptide 1-)Analogon und gehört zur Klasse der Sättigungshormone. Liraglutid reguliert den Appetit durch eine Steigerung des Völle- und Sättigungsgefühls und eine Reduzierung des Hungergefühls sowie des Wunsches nach Nahrungsverzehr und führt so zu einer geringeren Nahrungsaufnahme. Das einmal täglich subkutan zu injizierende Liraglutid wurde bereits 2009 zur Behandlung von Typ-2-Diabetes mit einer Dosis von 1,2 bis 1,8 mg/Tag zugelassen. Seit 2015 ist Liraglutid in der höheren Dosierung von 3,0 mg zur Behandlung von Adipositas als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Ernährung und verstärkter körperlicher Aktivität verfügbar. Die am häufigsten berichteten unerwünschten Begleiterscheinungen einer Adipositas-Therapie mit Liraglutid sind gastrointestinale Nebenwirkungen. Diese treten in der Regel in den ersten Behandlungswochen auf, sind meist vorübergehend und führen größtenteils nicht zum Abbruch der Behandlung [46].

Kardiovaskuläre Sicherheit von Naltrexon/Bupropion

Um nachzuweisen, dass die zum Adipositas-Management zugelassenen Medikamente kardiovaskulär sicher sind, wurden placebokontrollierte Endpunkt-Studien durchgeführt. Deren primärer 3-Punkt-MACE-Endpunkt (MACE = MAjor Cardiovascular Events) war definiert als kombiniertes Risiko von kardiovaskulär bedingtem Tod, nicht tödlichem Myokardinfarkt oder nicht tödlichem Schlaganfall. Für Orlistat existiert keine kardiovaskuläre Endpunktstudie. Die kardiovaskuläre Sicherheit der Fixkombination Naltrexon/Bupropion sollte im Rahmen der doppelblinden, placebokontrollierten LIGHT-Studie mit ca. 8900 Adipositas-Patienten untersucht werden [50]. Die Studie wurde vorzeitig gestoppt [50]. Bei der ITT-Analyse der bereits vorliegenden Daten von 50 % der Studienteilnehmer zeigte sich, dass die Differenz von 90 Ereignissen unter Naltrexon/Bupropion zu 102 unter Placebo statistisch nicht signifikant war [50]. Daher ist derzeit von einer kardiovaskulären Sicherheit auszugehen, nicht aber von kardiovaskulärer Überlegenheit.

Kardiovaskuläre Sicherheit von Liraglutid bei Typ-2-Diabetes

Für Liraglutid wurde eine kardiovaskuläre Sicherheit in der LEADER-Studie nachgewiesen: Liraglutid in der Dosierung bis 1,8 mg/Tag als Add-on zu einer bestehenden antidiabetischen Therapie reduzierte im Vergleich zu Placebo signifikant die Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse bei Typ-2-Diabetes-Patienten mit manifester kardiovaskulärer oder renaler Erkrankung oder entsprechenden Risikofaktoren [51].

Kardiovaskuläre Sicherheit von Liraglutid bei Adipositas

Um die kardiovaskuläre Sicherheit für Liraglutid in der für das Gewichtsmanagement zugelassenen Dosierung 3,0 mg zu untersuchen, wurde eine Post-hoc-Analyse mit Daten von 5908 Teilnehmern aus fünf randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudien durchgeführt [52]. Insgesamt traten nur wenige kardiovaskuläre Ereignisse auf. Unter Liraglutid (3,0 mg) hatten 8 Teilnehmer ein kardiovaskuläres Ereignis (1,54 Ereignisse/1000 Personenjahre) vs. 10 Teilnehmer in der Vergleichsgruppe (Placebo und Orlistat; 3,65 Ereignisse/1000 Personenjahre). Das Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis war unter Liraglutid um 58 % geringer als unter Placebo bzw. Orlistat (HR 0,42; 95% KI 0,17–1,08) (Abbildung 6). Aufgrund der geringen Zahl an Ereignissen war das Ergebnis nicht signifikant. Die Post-hoc-Analyse zeigte, dass Liraglutid 3,0 mg nicht mit einer erhöhten Rate kardiovaskulärer Ereignisse im Vergleich zu der gepoolten Vergleichsgruppe verbunden war [52].

Zusammenfassung

  • Adipositas ist eine chronische Erkrankung, von der nahezu ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland betroffen ist – mit steigender Tendenz.
  • Adipositas geht mit einer signifikant erhöhten Morbidität und Mortalität einher. Insbesondere das kardiovaskuläre Risiko ist erhöht.
  • Zur Reduktion der Komorbiditäten wird eine dauerhafte Reduktion des Körpergewichtes von (mindestens) 5 bis 10 % empfohlen.
  • Eine medikamentöse Therapie in Kombination mit einer Lebensstilintervention kann helfen, diese Therapieziele dauerhaft zu erreichen.
  • Die Wirkstoffe Orlistat, Naltrexon/Bupropion sowie Liraglutid sind für den langfristigen Einsatz im Adipositas-Management zugelassen.
  • Die kardiovaskuläre Sicherheit einer Liraglutid-basierten Adipositas-Therapie kann als gegeben angenommen werden.