Akuttherapie von Migräne und Cluster-Kopfschmerz

Migräne und Clusterkopfschmerz sind primäre Kopfschmerzerkrankungen. Die Migräne betrifft Frauen häufiger als Männer und ist die meistverbreitete neurologische Erkrankung überhaupt. Clusterkopfschmerz betrifft dagegen mehr Männer als Frauen und gehört zu den selteneren Kopfschmerzerkrankungen. Migränepatienten weisen häufig vegetative Begleitsymptome wie Phono- oder Fotophobie, Übelkeit und Erbrechen auf, bei Clusterkopfschmerz dagegen treten häufig trigeminoautonome Symptome wie Rhinorrhö, Lakrimation oder nasale Kongestion ipsilateral zum Kopfschmerz auf. Die beiden Krankheitsbilder gehen mit einem hohen Leidensdruck einher. Allerdings werden sowohl Migräne als auch Clusterkopfschmerz oft fehldiagnostiziert und daher nicht ausreichend behandelt.

Zur Kupierung akuter Kopfschmerzattacken kommen bei der Migräne je nach Schweregrad entweder einfache Analgetika (z. B. nicht steroidale Antirheumatika), koffeinhaltige Mischanalgetika oder Triptane in oraler, nasaler oder subkutaner Darreichung zum Einsatz. Bei beiden Erkrankungen hemmen Triptane erfolgreich die CGRP-Ausschüttung im trigeminovaskulären System und lindern bei den meisten Patienten effektiv die akuten Kopfschmerzen; hierbei zeichnet sich insbesondere die subkutane Gabe von Sumatriptan 6 mg (oder neuerdings auch 3 mg) durch den schnellsten Wirkeintritt und die stärkste Kopfschmerzreduktion bzw. -freiheit aus. Bei Patientinnen mit Migräne sind Besonderheiten in Zusammenhang mit perimenstruellem Kopfschmerz und mit Schwangerschaft zu beachten.


Kursinfo
VNR-Nummer 2760709122021370013
Zeitraum 25.01.2022 - 24.01.2023
Zertifiziert in D, A
Zertifiziert durch Akademie für Ärztliche Fortbildung Rheinland Pfalz
CME-Punkte 2 Punkte (Kategorie D)
Zielgruppe Ärzte
Autor Professor Dr. med. Dagny Holle-Lee
Redaktion CME-Verlag
Veranstaltungstyp Vortrag (Webcast)
Lernmaterial Vortrag, Handout (pdf), Lernerfolgskontrolle
Fortbildungspartner HORMOSAN PHARMA GmbH
Bewertung 4.5 (1372)

Einleitung

Bei Migräne und Clusterkopfschmerz handelt es sich um primäre Kopfschmerzerkrankungen, die mit einem hohen Leidensdruck für die Betroffenen verbunden sind. Die Migräne weist eine Prävalenz von etwa 14 % bei Frauen und 8 % bei Männern auf. Damit stellt Migräne die häufigste neurologische Erkrankung dar. Clusterkopfschmerz betrifft einen geringeren Prozentsatz der Population (ca. 1 %), wird allerdings zu den stärksten möglichen Schmerzzuständen gezählt. Die Migräne manifestiert sich meistens zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr, aber auch Kinder können bereits unter Migräne leiden. Der Clusterkopfschmerz tritt zumeist auch erstmalig vor dem 40. Die Pathophysiologie der Migräne und des Clusterkopfschmerzes ist noch nicht abschließend geklärt. Zentrale und periphere Mechanismen scheinen hier eine Rolle zu spielen. An der Pathophysiologie der Migräne und des Clusterkopfschmerzes sind sowohl das zentrale als auch periphere Nervensystem beteiligt. Zu den beteiligten Schlüsselstrukturen gehören das trigeminovaskuläre System, parasympathische Nervenfasern und der Hypothalamus. Die Diagnosestellung beider Kopfschmerzerkrankungen erfolgt anhand klinischer Kriterien. Diagnostische Maßnahmen wie z. B. die zerebrale Bildgebung dienen ausschließlich zum Ausschluss konkurrierender sekundärer Kopfschmerzursachen. Zur Behandlung der Migräne und des Clusterkopfschmerzes gehören drei Säulen: 1. die medikamentöse Akuttherapie zur Attackenkupierung; 2. die medikamentöse Prophylaxe zur Reduktion der Attackenfrequenz und -intensität; 3. die nicht medikamentöse Prävention durch Verhaltensmaßnahmen. Eine ausreichende schmerztherapeutische Behandlung akuter Attacken ist essenziell und stellt die Basis einer erfolgreichen Therapie dar. Folgende Komplikationen können bei unzureichender Behandlung von Kopfschmerzattacken auftreten:
  • Ein hoher Leidensdruck
  • Chronifizierung, insbesondere der Migräne
  • Auftreten oder Verschlechterung psychischer Komorbiditäten

Migräne

Die Migräneattacken dauern bei Erwachsenen unbehandelt vier bis 72 Stunden und gehen typischerweise mit pulsierenden oder pochenden Kopfschmerzen einher, die oft durch körperliche Aktivität verstärkt werden. Der Kopfschmerz ist einseitig oder beidseitig lokalisiert, die betroffene Kopfseite kann variieren. Bei einer kontinuierlichen Attackendauer >72 Stunden wird definitionsgemäß von einem Status migränosus gesprochen. Typische Begleitsymptome einer Migräneattacke sind Übelkeit und Erbrechen sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit, wobei nicht alle Symptome gleichermaßen vorhanden sein müssen. So erbrechen zum Beispiel nur die wenigsten Patienten im Rahmen von Migräneattacken. Bei etwa 15 % der Betroffenen besteht eine Migräne mit Aura. Während der Aura, die meist bereits vor Kopfschmerzbeginn auftritt, kommt es zu kortikalen Reiz- und Ausfallsymptomen, die sich langsam manifestieren und meist ebenso langsam wieder zurückbilden. Die einzelnen Symptome können dabei bis zu einer Stunde andauern. Zumeist handelt es sich um visuelle Begleitsymptome, wie die Wahrnehmung von Lichtblitzen und Fortifikationen (gezackte Linien); zudem können Sensibilitätsstörungen auftreten. Es kann seltener auch zu passageren motorischen Ausfällen oder einer Sprechstörung kommen. Von einer chronischen Migräne spricht man, wenn ≥15 Kopfschmerztage pro Monat über mindestens drei Monate vorhanden sind, von denen mindestens acht Tage die Kriterien einer Migräneattacke erfüllen.

Fallkasuistik

Eine 40-jährige Patientin stellte sich in der ambulanten Kopfschmerzsprechstunde aufgrund unzureichend kupierter Kopfschmerzattacken vor. Die Patientin ist beruflich als Lehrerin tätig. Es bestand bereits seit dem 17. Lebensjahr eine Migräne mit und ohne Aura. Die Patientin klagte über etwa zehn Kopfschmerztage pro Monat. Zum Teil bestand eine menstruelle Häufung. Hierbei litt die Patientin auch unter Kopfschmerzphasen, die ununterbrochen über fünf Tage andauerten. Sie berichtete über eine vegetative Begleitsymptomatik mit Phono- und Photophobie, teilweise auch mit Übelkeit und Erbrechen. Die Patientin behandelte die akuten Kopfschmerzattacken durch Selbstmedikation mit Ibuprofen 400 mg. Das Ansprechen wurde jedoch als allenfalls mäßig beschrieben. Die Situation der Patientin lässt sich also wie folgt zusammenfassen:
  • Migräne mit und ohne Aura
  • Menstruelle Häufung mit Status migränosus
  • Begleitende Übelkeit und Erbrechen
  • Unzureichende Wirksamkeit der Akutmedikation

Akuttherapie der Migräne

Eine ausreichende Behandlung akuter Kopfschmerzattacken mit weitgehender Kopfschmerzreduktion oder -schmerzfreiheit gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Migränetherapie. Hierdurch sollen Chronifizierung, Komplikationen und Lebensqualitätsverlust verhindert werden. Als Ziele der Akuttherapie lassen sich zusammenfassen:
  • Rasches Beenden der Attacke
  • Beseitigung der Begleitsymptome
  • Keine bis wenig Nebenwirkungen
  • Vermeidung von Risiken der analgetischen Langzeitanwendung
Im Fokus stehen neben einer guten Verträglichkeit vor allem die Therapie des Symptoms, das den Patienten am meisten beeinträchtigt (engl. most bothersome symptom); dies muss nicht zwingend der Kopfschmerz sein, sondern kann mitunter z. B. auch die Photophobie oder vegetative Symptomatik sein. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sieht ein Stufenschema zur Akuttherapie von Migräne vor. Einfache Analgetika wie Paracetamol, Metamizol und nicht steroidale Antirheumatika wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Naproxen, Indometacin und Diclofenac stehen bei der Behandlung von leichten Migräneattacken an erster Stelle. Bei Patienten, die nicht ausreichend auf einfache Analgetika ansprechen, oder bei Patienten mit mittelschweren oder schweren Migräneattacken sollten 5-HT1B/1D-Agonisten (Triptane) eingesetzt werden. Sumatriptan 6 mg subkutan kam 1992 als erster Vertreter der Triptane auf den Markt und revolutionierte die Akuttherapie der Migräne. Weitere Vertreter dieser Wirkstoffklasse folgten: Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan und Zolmitriptan. Alle verschiedenen Triptane in unterschiedlichen Darreichungsformen (oral, nasal und subkutan) haben in großen placebokontrollierten Studien ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit bei Migräneattacken gezeigt. In der Gruppe der oralen Triptane wurde für Eletriptan und Rizatriptan die beste Wirksamkeit nachgewiesen, wobei Head-to-Head-Studien diesbezüglich nicht vorliegen, sodass eine Beurteilung nur anhand von Metaanalysen möglich ist. Die subkutane Therapie mit Sumatriptan 6 mg zeigt unter allen Triptanen die stärkste Wirkung zur Behandlung einer Migräneattacke. Inzwischen liegen Daten vor, dass auch Sumatriptan 3 mg subkutan erfolgreich zur Attackenkupierung eingesetzt werden kann. Hier ist bei vergleichbarer Wirksamkeit ein günstigeres Nebenwirkungsprofil zu erwarten. Die subkutane Gabe empfiehlt sich bei Patienten, die auf orale Therapien nicht ausreichend ansprechen, z. B. bei Patienten mit frühmorgendlichen Attacken aus dem Schlaf heraus, bei Migräneattacken mit starkem Erbrechen oder wenn ein rascher Wirkeintritt erforderlich ist. In der Praxis stellen Patienten häufig die Frage nach dem besten Analgetikum oder Triptan. Sowohl für die Basisanalgetika als auch für die Triptane bei mittelschweren bis schweren Migräneattacken kann hier keine eindeutige Empfehlung gegeben werden, da das Ansprechen sowohl interindividuell als auch intraindividuell variiert. Häufig wissen Patienten mit längerer Krankengeschichte selbst, auf welches Analgetikum bzw. Triptan sie am besten ansprechen. Ferner können die Attacken intraindividuell unterschiedlich stark ausgeprägt sein und bedürfen daher situativ einer geeigneten Akutmedikation. Daher ist die personalisierte Attackentherapie der Schlüssel für eine erfolgreiche Therapie. Eine weitere praxisrelevante Frage ist die nach dem optimalen Zeitpunkt der Analgetikaeinnahme. Hierzu ist es wichtig, den typischen Verlauf einer Migräneattacke zu verstehen und die Patienten hierüber aufzuklären. Meist geht einer Schmerzattacke eine bis zu 72-stündige Prodromalphase mit unspezifischen Symptomen wie Abgeschlagenheit oder Reizbarkeit voraus, gefolgt von der Aura (15 % der Patienten), deren einzelne Symptome bis zu einer Stunde anhalten können. Die Einnahme der Akuttherapie sollte nicht in der Prodromal- oder Auraphase erfolgen, da in diesem Stadium häufig keine ausreichende Wirksamkeit erzielt wird. Optimal hingegen ist die Gabe unmittelbar bei Einsetzen der Kopfschmerzen, vor Erreichen der maximalen Schmerzintensität, da hier eine schnellere Wirksamkeit gewährleistet ist. Dies gilt ebenfalls für die Einnahme einfacher Analgetika.

Sondersituation: Menstruelle Migräne

Etwa die Hälfte aller Migränepatientinnen berichtet von einer menstruellen Häufung ihrer Attacken. Die Attacke beginnt dann meist wenige Tage vor und hält bis zu einigen Tagen nach der Menstruation an. Eine rein menstruelle Migräne, die ausschließlich zyklusabhängig auftritt, liegt allerdings nur bei etwa 14 % der betroffenen Frauen vor. Bei diesen Patientinnen sollte eine perimenstruelle Prävention erwogen werden. Hierfür eignen sich Naproxen und Magnesium. Auch eine Hormontherapie mit transkutaner Gabe von Estradiol-Gel kann in einigen Fällen wirksam sein. Die beste Evidenz besteht allerdings für eine perimenstruelle Gabe von Triptanen, wobei hier vor allem die lang wirksamen Triptane wie Frovatriptan eingesetzt werden sollten. Im Unterschied zur normalen Triptan-Gabe bei Migräne kann die Gabe von Triptanen bei der menstruellen Migräne prophylaktisch erfolgen, also bevor der eigentliche Kopfschmerz beginnt. Auch kann eine Triptan-Gabe länger als drei Tage am Stück dauern, was sonst nicht empfohlen ist. Allerdings muss beachtet werden, dass die Gesamtanzahl der Einnahmetage für die Akutmedikation auch bei dieser Form der Migräne zehn Tage pro Monat nicht übersteigen sollte, um der Entwicklung eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch vorzubeugen. Insbesondere die menstruelle Migräne bessert sich in aller Regel deutlich mit Eintritt einer Schwangerschaft oder der Menopause.

Therapie bei Übelkeit und Erbrechen

Übelkeit und Erbrechen als vegetative Begleitsymptomatik tragen erheblich zum Leidensdruck der Patienten bei. Zudem kann das Erbrechen die Wirksamkeit oraler Schmerzmittel deutlich einschränken oder deren Wirksamkeit vollständig aufheben. Bei starker Übelkeit und Erbrechen sollte daher ein Triptan in subkutaner Darreichung (Sumatriptan 6 mg oder 3 mg s. c.) gegeben werden. Auch die nasale Applikation von Zolmitriptan 5 mg hat sich bewährt. Bei leichter bis mittelschwerer Übelkeit kann die orale Anwendung eines Triptans eine Attacke gegebenenfalls kupieren, noch bevor es zum Erbrechen kommt. Grundsätzlich findet sich aber auch bei leichter Übelkeit schon eine Gastroparese, die die Resorption oraler Medikamente maßgeblich beeinflusst. Die Einnahme von Antiemetika wie Metoclopramid (MCP) oder Domperidon zusätzlich zur Analgetika-/Triptan-Gabe hat sich bewährt.

Ursachen und Maßnahmen bei mangelnder Wirksamkeit der Schmerztherapie

Viele Patienten klagen über eine unzureichende Wirksamkeit der Akuttherapie. Eine Metaanalyse zur Effektivität von Triptanen berichtet von einer signifikanten Besserung der Schmerzen oder von gänzlicher Schmerzfreiheit nach zwei Stunden bei lediglich 60 % respektive 30 % der Befragten. Eine mangelnde Wirksamkeit der Akuttherapie kann zahlreiche Gründe haben. Zunächst sollte daher potenziellen Einnahmefehlern nachgegangen werden. Hier spielen häufig die folgenden Faktoren eine Rolle:
  • Die Einnahme erfolgte zu spät.
  • Die Dosierung war nicht ausreichend.
  • Ungünstige Applikationsweise, z. B. orale Einnahme bei Erbrechen
Treffen diese Fehlerquellen nicht (mehr) zu und stellt sich weiterhin keine relevante Besserung der Schmerzen ein, kann ein Wechsel des Triptans innerhalb der Wirkstoffklasse oder ein Wechsel der Darreichungsform sinnvoll sein.

Wiederkehrkopfschmerz

Unter Wiederkehrkopfschmerz wird ein erneutes Auftreten der Migräne innerhalb von vier bis 24 Stunden nach initialem Abklingen der Schmerzen unter Akutmedikation verstanden. Bei den betroffenen Patienten fällt die Frequenz von Wiederkehrkopfschmerz umso höher aus, je kürzer die Halbwertszeit des applizierten Triptans ist. Bei Auftreten von einem Wiederkehrkopfschmerz sind verschiedene Vorgehensweisen möglich:
  • Kombination der Triptan-Therapie mit einem nicht steroidalen Antirheumatikum wie Naproxen, was eine lange Halbwertszeit aufweist.
  • Umstellen auf langwirksame Triptane wie z. B. Naratriptan
  • Wiederholte Gabe des bereits zuvor angewendeten Triptans
Hierbei sollten allerdings gewisse Zeitabstände beachtet werden. Bei wiederholter Gabe eines kurz wirksamen Triptans (wie Sumatriptan 6 mg oder 3 mg s. c.) kann die zweite Injektion frühestens eine Stunde nach Erstapplikation erfolgen. Bei Wechsel auf einen anderen Wirkstoff aus der Triptan-Klasse sollte ein Zeitabstand von mindestens 24 Stunden eingehalten werden. Bei Sumatriptan s. c. gilt die Regel, dass nicht mehr als zwei Injektionen innerhalb von 24 Stunden erfolgen sollten. Bei oraler Sumatriptan-Einnahme beträgt die maximale empfohlene Dosis 300 mg/24 Stunden.

Migräne und Schwangerschaft

Viele Migränepatientinnen befinden sich im gebärfähigen Alter und haben einen Kinderwunsch. Daher spielt diese Thematik in der Beratung von Kopfschmerzpatientinnen oft eine relevante Rolle, und Aufklärung, insbesondere über die medikamentösen Möglichkeiten während der Schwangerschaft, ist hier sehr wichtig. Aufklärungsgespräche können Migränepatientinnen oftmals die Angst vor unbehandelten Migräneattacken in der Schwangerschaft nehmen. Migräneattacken sind, trotz Bedenken bezüglich Embryo- und Fetotoxizität, grundsätzlich auch in der Schwangerschaft medikamentös behandelbar. Die Wahl des Wirkstoffes richtet sich nach dem jeweiligen Schwangerschaftstrimester. Die Einnahme von Paracetamol ist in allen Trimena möglich. Auch Sumatriptan kann potenziell in allen Trimena sowie während der Stillzeit eingesetzt werden, während Ibuprofen nicht im 3. Trimenon gegeben werden sollte. Dass jede Schmerztherapie gewisse schwangerschaftsbezogene Risiken mit sich bringt, zeigen nicht zuletzt Berichte über den Einsatz von Paracetamol in der Schwangerschaft, wonach es zu einer möglicherweise erhöhten Rate an kindlichem Asthma bronchiale kommen kann. Bei Sumatriptan kann es bei der Mutter gehäuft zu postpartalen Blutungen kommen. Daher sollte jedwede Schmerztherapie während der Schwangerschaft besonders sorgfältig abgewogen und die Patientinnen entsprechend aufgeklärt werden.

Triptane und kardiovaskuläres Risiko

Obgleich die Prävalenz der Migräne nach dem 40. Lebensjahr stetig abnimmt, ist ein substanzieller Anteil der Population im Alter >60 Jahren betroffen. Der Einsatz von Triptanen ist auch bei Patienten im Alter >65 Jahre grundsätzlich möglich. In einer aktuellen, groß angelegten Studie untersuchten Ghanshani und Kollegen die kardiovaskuläre Mortalität bei fast 190.000 Patienten, von denen >130.000 regelmäßig Triptane einnahmen. Hierbei konnte auch unter Berücksichtigung potenzieller statistischer Störfaktoren keine erhöhte Mortalität infolge von Myokardinfarkten oder erhöhte kardiovaskuläre Gesamtmortalität unter Triptan-Therapie nachgewiesen werden. Die Ergebnisse legen nahe, dass bei Berücksichtigung kardiovaskulärer Kontraindikationen unter einer Triptan-Therapie keine erhöhten kardialen Risiken auftreten. Fazit: Die Sicherheit der Triptane wurde durch langjährige Erfahrung und inzwischen auch in großen klinischen Studien bestätigt: Triptane haben eine sehr gute kardiovaskuläre Sicherheit bei entsprechender Berücksichtigung der Kontraindikationen und sind vor allem in Bezug auf gastrointestinale Nebenwirkungen den NSAR überlegen.

Clusterkopfschmerz

In der Kopfschmerzklassifikation gehört der Clusterkopfschmerz zu den sogenannten trigemino-autonomen Kopfschmerzerkrankungen (TAK), wobei der Clusterkopfschmerz zu den häufigsten TAK zählt. Im Vergleich zur Migräne gibt es Überschneidungen hinsichtlich der Pathophysiologie, da jeweils das trigeminovaskuläre System und der Hypothalamus eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus können die klinischen Symptome überlappen, einerseits werden migränetypische Begleitsymptome wie Photo- oder Phonophobie bei Clusterkopfschmerzpatienten beobachtet, andererseits können autonome Symptome wie ein tränendes Auge auch bei Migränepatienten auftreten. Die charakteristischen Merkmale von Clusterkopfschmerz und Migräne sind nachfolgend gegenübergestellt. Im Gegensatz zur Migräne betrifft der Clusterkopfschmerz v. a. Männer, wobei Frauen ebenfalls betroffen sein können. Die Attackendauer ist unbehandelt mit 15 bis 180 Minuten wesentlich kürzer als bei der Migräne und ist ein wichtiges differenzial diagnostisches Kriterium, während die Frequenz wesentlich höher ist: von einer Attacke jeden zweiten Tag bis zu acht Attacken pro Tag. Die Attacken treten beim Clusterkopfschmerz zumeist in sogenannten „bouts” auf, das heißt, Patienten haben über Wochen oder Monate Schmerzattacken („inside bout”), dann aber auch über längere Zeiträume gar keine Attacken („outside bout”). Der Kopfschmerz ist in der Regel periorbital lokalisiert, während der Attacke streng einseitig und wird häufig mit einer maximalen Schmerzstärke 10/10 auf der visuellen Analogskala (VAS) beschrieben. Für den Clusterkopfschmerz sind trigemino-autonome Symptome obligat, hierzu gehören z. B. ipsilaterale Rhinorrhö, Tränenfluss sowie Rötung des Auges oder des Gesichtes. Im Gegensatz zu Migränepatienten zeigen Clusterkopfschmerzpatienten in der Attacke eine starke körperliche Unruhe, teils Bewegungsdrang (engl. pacing around) oder Schaukeln mit dem Oberkörper (engl. rocking). Dieses typische Merkmal wurde daher auch in die internationale Kopfschmerzklassifikation aufgenommen. Zur Kupierung von Clusterkopfschmerzattacken sind 6 mg Sumatriptan s. c. Mittel der ersten Wahl. Eine Beschwerdefreiheit wird bei etwa 75 % der Patienten innerhalb von fünf bis 20 Minuten erreicht. Oral oder nasal verabreichtes Sumatriptan stellt aufgrund des ungünstigen pharmakokinetischen Profils keine geeignete Alternative dar. Insgesamt hat die orale Medikation keinen Stellenwert in der Akuttherapie von einem Clusterkopfschmerz, da die Wirkung in der Regel zu schwach ist und zu spät einsetzt. Alternativ zu Sumatriptan s. c. kann Zolmitriptan-Nasenspray eingesetzt werden. Der Wirkeintritt ist allerdings im Vergleich zur subkutanen Gabe meist etwas verzögert, und die Wirkung kann bei sehr starken Schmerzen eher unzureichend sein. Auch die Applikation von 100%igem Sauerstoff ist bei vielen Patienten gut wirksam und weist im Vergleich zu den Triptanen kaum Kontraindikationen auf. Die Ansprechrate liegt zwischen 60 und 80 %. Voraussetzung ist die sofortige Anwendung zu Beginn der Schmerzattacke sowie die Verabreichung möglichst im Sitzen mit einer hohen Flussrate (>8 bis 15 l 100%igen O2 über 15 bis 20 Minuten) mittels Non-Rebreather-Gesichtsmaske. Insbesondere bei hoher Attackenfrequenz lassen sich mithilfe der Sauerstofftherapie hohe Triptan-Tagesdosen vermeiden. Bei Triptan-Non-Respondern kann ein Therapieversuch mit 1 ml 4–10%iger Lidocain-Lösung nasal unternommen werden.

Herausforderung des Kopfschmerzmanagements

Das fehlende Wissen der Patienten um ihre Diagnose stellt eine große Herausforderung im Praxisalltag dar, zumal ein adäquates Verständnis der Erkrankung Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Kopfschmerzmanagement ist. In einer multizentrischen Untersuchung wussten >70 % der befragten Migränepatienten nicht, dass sie unter einer Migräne litten. Die Teilnehmer führten den Kopfschmerz auf andere Ursachen zurück. Nur etwa 8 % der Hausärzte und 35 % der Fachärzte in dieser Studie waren in der Lage, die richtige Diagnose zu stellen. Dies impliziert, dass die meisten Patienten keine adäquate Akuttherapie erhalten. Auch die niedrigen Triptan-Verordnungszahlen bei Migränepatienten in vielen europäischen Ländern deuten auf eine Unterversorgung dieser Population hin. Aufgrund der falschen oder fehlenden Diagnosestellung wird bei Kopfschmerzen zudem häufig eine unnötige und teure Diagnostik durchgeführt, z. B. eine (wiederholte) zerebrale oder zervikale Bildgebung. Diese Daten heben hervor, wie wichtig eine richtige Diagnosestellung, die Patientenaufklärung und eine korrekte Therapiewahl zur Verbesserung des Migränemanagements sind.

Fazit

  • Die Migräne ist die häufigste neurologische Erkrankung im jüngeren Erwachsenenalter.
  • Die Erkrankung ist unterdiagnostiziert und wird häufig nicht adäquat therapiert.
  • Die korrekte Diagnosestellung und Aufklärung der Patienten sind Schlüsselfaktoren einer erfolgreichen Behandlung primärer Kopfschmerzerkrankungen.
  • Bei unzureichender Akuttherapie der Migräne drohen ein hoher Leidensdruck und eine Chronifizierung.
  • Im Fokus der Akuttherapie der Migräneattacke steht die Linderung des „most bothersome symptom”.
  • Bei leichten Migräneattacken kommen klassische Analgetika oder NSAR zum Einsatz.
  • Die Wahl der geeigneten Schmerztherapie sollte individualisiert je nach Schweregrad der Attacke erfolgen.
  • Bei mittelschweren bis schweren Attacken oder fehlendem Ansprechen auf Analgetika stehen sieben verschiedene Triptane in oraler, nasaler oder subkutaner Darreichung zur Verfügung.
  • Sumatriptan 6 mg oder 3 mg s. c. haben sich als besonders wirksam für die Akuttherapie der Migräneattacke erwiesen.
  • Bei menstrueller Migräne kann eine perimenstruelle Prophylaxe zum Einsatz kommen.
  • Die medikamentöse Migränetherapie kann trotz potenzieller Risiken mit Vorsicht auch in der Schwangerschaft eingesetzt werden.
  • Zur Kupierung von Clusterkopfschmerzattacken ist Sumatriptan 6 mg s. c. Mittel der ersten Wahl.

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